Kuhhandel – wie auf dem Basar

Meine Eltern hatten bis vor 10 Jahren eine Ferienwohnung im Süden Spaniens. Mit meiner Frau (und später auch mit meinen beiden Söhnen) machte ich dort öfter Urlaub und nutzte die Zeit auch für kleinere Rundreisen. So kam ich mit meiner Frau (damals noch meine Freundin) 1986 nach Tanger in Marokko. Von Spanien her setzten wir mit der Fähre nach Tanger über. Gleich am Hafen kam ein Einheimischer auf uns zu und bot sich uns als Führer durch die Stadt an. Schnell handelten wir den Preis dafür aus und los ging’s. Er führte uns u.a. durch die Kasbah, genauer die Medina von Tanger, also durch die Altstadt.

Medina von Tanger/Marokko

So besuchten wir dort auch einen Teppichhändler, der uns mit frischem Pfefferminztee bewirtete und natürlich versuchte, uns einen Teppich zu verkaufen. Ich erinnere mich noch an die Blicke amerikanischer Reisender, die von einem Angestellten des Händlers durch den Laden geführt wurden, und an jenes auf uns gemünzte, neidvolle „Oh, Pepperminttea!“. Am Schluss schaffte es der Händler, uns einen, wenn auch kleinen Teppich zu verkaufen. Bis der Handel abgeschlossen war, wurde aber kräftig gefeilscht, bis auch wir mit dem Preis zufrieden waren.

Warum schreibe ich das und hole dazu soweit aus? Auch bei uns wird zunehmend wie in der Altstadt von Tanger Handel getrieben. Es darf gefeilscht und geschachert werden. Wer nicht mithalten kann, der zieht den Kürzeren. Bei dem Teppichhändler mag das noch Sinn machen (bereits im Restaurant mussten wir das zahlen, was zuvor auf der Speisekarte als Preis stand), sicherlich auch noch auf dem Flohmarkt (das gehört mit zum Spaß) oder auch auf dem Viehmarkt. Aber im Umgang mit Krankenkassen und Versicherungen, da finde ich das schon ziemlich fragwürdig.

Aber genau das mussten wir tun: Schachern! Ein Sohn bekam eine Zahnspange, die samt Arztleistungen viel Geld kostet. Die Krankenkasse wollte aber nicht zahlen, da nach ihren Vorschriften keine Notwendigkeit bestand (es ging nur ein oder zwei Millimeter Abweichung von einem bestimmten Grenzwert). Erst nach längerem Feilschen (hier in Form von Widerspruch, Kündigungsdrohung u.ä.) übernahm die Krankenkasse doch den Großteil der Kosten, wenn auch nicht alles. Aber immerhin. Ähnlich verhielt es sich jetzt, als meine Frau Kosten für eine Heilpraktikerin (u.a. für Akupunktur) ersetzt haben wollte. Unsere ersten Anträge auf Kostenerstattung wurden immer abgelehnt. Erst wenn wir den Druck erhöhten, kam man uns entgegen. Wie beim Kuhhandel also. Oder wie auf einem orientalischen Markt.

Am Rande vermerkt: In dieser Woche bekamen wir von unserer Krankenkasse neue Versichertenkarten, da die alten zum Jahresende auslaufen: goldenfarbene Versichertenkarten. Wirklich super! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Was soll dieses Blendwerk? Denn wie alle Krankenversicherten (gewissermaßen als Gegenleistung für das goldene Blendwerk?) dürfen wir ab 1. Januar auch mehr an Beitrag zahlen.

Blendwerk: Goldene Versichertenkarte

Dieser Kuhhandel ist natürlich kein Einzelfall und kommt z.B. auch bei Kfz-Versicherungen vor. Bisher hatten wir kein Auto und hätten bestimmt weiterhin keines, aber unser älterer Sohn hat seinen Führerschein gemacht und wollte nun auch gern einen fahrbaren Untersatz (siehe meinen Beitrag: Tanz ums goldene Kalb). Da nun das neue Auto auch unser erstes ist, müssen wir kräftig Kfz-Versicherung zahlen. Die Versicherung läuft seit 1. September. Damit wir aber bereits zum nächsten ersten Januar in eine günstigere Schadenfreiheitsklasse eingestuft werden könnten, bot uns der Versicherung an, den Versicherungsbeginn auf den 1. Juli zurückzudatieren – gegen Bezahlung versteht sich. Allerdings auf eigenes Risiko. Denn in einem Schadensfall würden wir natürlich in der gleichen Schadensklasse verbleiben.

Dort, wo wir unseren eigenen Vorteil sahen, sind wir auf den uns angebotenen Kuhhandel eingegangen (wir wären ja schön blöd, wenn nicht). Aber Begriffe wie Rechtssicherheit, Vertragstreue oder wie man es immer auch nennen will, werden hier mit Füßen getreten. Vielleicht bin ich da etwas zu blauäugig, zu naiv, aber vielleicht sollte ich im Gegenteil auch einmal mit dem Finanzamt versuchen, über meine Steuerlast zu feilschen. Ich hab’s bisher noch nicht versucht.



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