Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Miguel de Cervantes: Don Quijote

Vor einiger Zeit habe ich erneut den Roman von Miguel de Cervantes gelesen, der unter dem Titel „Der scharfsinnige Ritter Don Quixote von der Mancha“ in drei Bänden mit insgesamt 1365 Seiten und den bekannten Illustrationen von Gustave Doré im Insel-Taschenbuch-Verlag erschienen ist (weitere Ausgaben siehe hier).

Das berühmteste Buch der spanischen Literatur gilt als erster moderner Roman und ist eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur. 2002 wählten es – organisiert vom Osloer Nobelinstitut – hundert bekannte Schriftsteller zum „besten Buch der Welt“. Der vollständige Titel lautet: El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha (deutsch: Der sinnreiche Edelmann Don Quijote von der Mancha). Don Quijote ist zugleich der Name des Protagonisten. Der erste Teil wurde 1605 veröffentlicht, der zweite 1615 unter dem Titel Segunda parte del ingenioso caballero don Quixote de la Mancha.

Don Quijote ist ein seinen Ritterromanen verfallener Leser, der unfähig erscheint, zwischen Dichtung und Wirklichkeit zu unterscheiden. Er hält sich für einen stolzen Ritter auf Âventiure, der seine Angebetete Dulcinea del Toboso für sich gewinnen will. Hierfür steigt er auf sein klappriges Pferd Rosinante und besteht zahlreiche Abenteuer, begleitet von seinem treuen Schildknappen Sancho Panza (auch: Sancho Pansa). Meist enden die Episoden damit, dass Don Quijote durch rohe Gegner verprügelt wird, jedoch gegen Unschuldige wenig ruhmreich als „Ritter von der traurigen Gestalt“ siegt.

Miguel de Cervantes: Don Quijote (Illustration: Gustave Doré)
Miguel de Cervantes: Don Quijote (Illustration: Gustave Doré)

Auf seiner Flucht vor dem alarmierten Ritterorden sucht er Schutz in der Sierra Morena und trifft auf den liebeskranken Büßer Cardenio, der seine Angebetete Lucinda an seinen besten Freund Fernando verloren hat. Panza gelangt durch einen Botendienst zum Pfarrer und zum Barbier, die einen Plan zur Rettung seines Herrn aushecken; Dorothea wird als Prinzessin Micomicona ausgegeben, die auf Don Quijotes Einsatz angewiesen sei. Dabei gelingt es, die jungen Leute untereinander vollends zu versöhnen. Don Quijote wird schließlich in einem Holzkäfig nach Hause transportiert.

Im 1615 vorgelegten zweiten Teil ist der Landadelige Don Quijote eine literarische Berühmtheit geworden und besteht mit Panza neue Abenteuer, zuerst freiwillig, später als Gast eines Herzogpaares, das sich an der Verrücktheit des vermeintlichen Ritters und seines Knappen erfreut. Don Quijote, der seine Dulcinea vergebens sucht, kehrt nach einem Zweikampf als geschlagener Ritter in sein Dorf zurück. Dort erkennt der Todkranke seinen Irrtum an und stirbt.
(Quelle: de.wikipedia.org)


Miguel de Cervantes (1547-1616): Don Quijote (1605/1615) – Illustrationen von Gustave Doré (1832-1883) – zum Laufen gebracht

Zu den Illustrationen von Gustave Dorè zum Don Quijote

Die Zusammenarbeit zwischen dem spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes und dem französischen Illustrator Gustave Doré (1832-1883) führte zu einer der berühmtesten illustrierten Ausgaben von „Don Quijote“. Dorés dramatische, detaillierte Holzstiche, besonders aus den 1860er Jahren, prägen das visuelle Bild von Don Quijote und Sancho Panza bis heute.

Die Illustrationen: Doré schuf über 370 Illustrationen für Cervantes‘ Meisterwerk, die oft als die definitiven Darstellungen der Charaktere gelten.
Stil: Seine Werke zeichnen sich durch starke Licht-Schatten-Kontraste (Chiaroscuro) und eine dynamische Komposition aus.
Bedeutung: Obwohl Doré im 19. Jahrhundert arbeitete, haben seine Darstellungen des Ritters von der traurigen Gestalt, seines Knappen Sancho Panza und der Abenteuer, wie der Windmühlen, das literarische Werk weltweit visuell definiert.
Verfügbarkeit: Die Illustrationen sind in zahlreichen Ausgaben des Don Quijote (oft in Übersetzungen des 19. oder 20. Jahrhunderts) enthalten und als hochwertige Kunstdrucke erhältlich.

Dorés Kunst brachte die Fantasiewelt des Cervantes auf einzigartige Weise zum Leben, indem er den schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Heldentum eindrucksvoll einfing.

Dante Alighieri: Die göttliche Komödie

Es ist für mich an der Zeit, mich mit den literarischen Werken der Weltliteratur zu beschäftigen. Und so habe ich mich auf die ‚Göttliche Komödie‘ von Dante Alighieri (1265-1321) gestürzt. Ich habe die Übersetzung von Karl Witte (1800-1883) vorliegen, die 1865 in Berlin erschien und mit 136 Illustrationen (entnommen einer Ausgabe in drei Bänden, Berlin o.J. [1870-1871]) von Gustave Doré (1832-1883) wunderbar bebildert ist.

Dantes „Göttliche Komödie“ (La Divina Commedia – Foligno 1472), verfasst im frühen 14. Jahrhundert, beschreibt die imaginäre Reise des Dichters durch die drei Reiche des Jenseits. Das Werk gilt als Meilenstein der Weltliteratur und prägte die italienische Sprache maßgeblich.

Dante und Vergil beobachten die büßenden Seelen (Illustration: Gustave Doré)
Dante und Vergil beobachten die büßenden Seelen (Illustration: Gustave Doré)

Die drei Stationen der Reise
Die Erzählung beginnt im Jahr 1300, als sich Dante in einem „dunklen Wald“ (Sinnbild für eine Lebenskrise) verirrt. Er wird vom römischen Dichter Vergil (70-19 v.Chr.) gerettet, der ihn durch die ersten beiden Reiche führt.

Erster Gesang

Es war in unseres Lebensweges Mitte,
Als ich mich fand in einem dunklen Walde;
Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.
Wohl fällt mir schwer, zu schildern diesen Wald,
Der wildverwachsen war und voller Grauen
Und in Erinnrung schon die Furcht erneut:
So schwer, dass Tod zu leiden wenig schlimmer.
Doch um das Heil, das ich dort fand, zu verkünden,
Will, was ich sonst gesehen, ich berichten. –

[…]

1. Inferno (Hölle): Dante steigt durch neun konzentrische Kreise hinab zum Erdmittelpunkt. Jeder Kreis ist einer spezifischen Sünde gewidmet, wobei die Strafen nach unten hin immer grauenhafter werden, bis sie im Zentrum auf den im Eis gefangenen Luzifer treffen.
2. Purgatorio (Fegefeuer): Auf der anderen Seite der Erde erklimmen Dante und Vergil den Läuterungsberg. Hier büßen Seelen ihre Sünden auf sieben Terrassen ab, um sich für den Himmel würdig zu machen. Am Gipfel verlässt Vergil Dante, da er als Heide das Paradies nicht betreten darf.
3. Paradiso (Paradies): Dantes Jugendliebe Beatrice (1266-1290, sie starb früh bei einer Epidemie und begleitet Dante ab dem 30. Gesang des Fegefeuers) übernimmt die Führung durch die neun himmlischen Sphären. Die Reise endet in einer göttlichen Vision, bei der Dante die Einheit mit Gott und das „Licht der Liebe“ erfährt.

Das Ende (Paradies – 33. Gesang)
[…]
Das Kreisen, das mir dreifach aufgefasst
Erschienen war, es dünkte, wie ein Spiegel,
Als meine Augen länger es betrachtet,
In seinem Innern mit den eignen Farben
Mir unsres Angesichtes Bild zu zeigen,
Weshalb mein Schau’n ich völlig drin versenkte.
Dem Geometer, der sich ganz vertieft,
Den Kreis zu messen, und, wie sehr er sinne,
Den Grundsatz dessen er bedarf nicht findet,
War ich vergleichbar bei dem neuen Anblick.
Wie mit dem Kreise jenes Bild sich einigt,
Und wo sein Platz drin ist, wollt‘ ich erkennen;
Doch nicht vermochten das die eignen Flügel.
Da wurde plötzlich, wie von einem Blitze,
Mein Geist durchzuckt und das Ersehnte kam.
Hier schwand die Kraft der hohen Fantasie;
Doch schon bewegte Willen und Verlangen
Mir, wie ein gleichbewegtes Rad, die Liebe,
Die kreisen macht die Sonne wie die Sterne.


Bilder aus der Hölle – wie sie sich Dante (‘Die göttliche Komödie’) vorstellte (und Gustave Doré zeichnete) – Musik: Francesco Landini

Zentrale Merkmale
Struktur: Das Werk besteht aus 100 Gesängen (33 pro Teil plus ein Einleitungsgesang).
Symbolik: Die Zahl 3 (Symbol für die Dreifaltigkeit) ist allgegenwärtig – drei Reiche, drei Führer, dreizeilige Strophenform (Terzinen).
Hintergrund: Dante verarbeitete in dem Epos auch persönliche politische Konflikte und sein Exil aus Florenz.

Dieser Beitrag wurde zum Teil mit KI erstellt

Kurze Anmerkung:

In Fegefeuer 8. Gesang, Zeile 91, und 31. Gesang, Zeile 106, wird von ‚leuchtenden vier Sterne‘ berichtet, worunter die vier moralischen Tugenden (Gerechtigkeit, Stärke, Weisheit, Mäßigkeit) zu verstehen sind. Diese genügen, um den Menschen auf den Weg der Buße zu Besserung zu führen; wenn er aber ermattet, wenn für ihn die Nacht anbricht, müssen die drei theologischen (Glaube, Liebe und Hoffnung) ihn aufrechtherhalten.

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Martin Walser: Brief an Lord Liszt

    Oh mein Lord, wo steht Ihnen eigentlich das Wasser!
    S. 71
    Seine Fähigkeit, an nichts zu glauben zu müssen, als an sich selbst, ist inzwischen zur Lieblingstugend der Epoche geworden. S. 105

Am Freitag vor Pfingsten, kurz vor Arbeitsschluss, rief Arthur Thiele die Abteilungsleiter der Firmen Chemnitzer Zähne und Fin Star zu sich: Benedikt Stierle, der Konkurrent, hatte aufgegeben, er hatte seine Firma und sich in Brand gesteckt. Die Abteilungsleiter erhoben sich, Thiele dankte, die Sitzung war beendet, frohe Pfingsten. Franz Horn war als erster an der Tür.

Die Zeiten, als Thiele nach einem solchen Ereignis unbedingt noch ein paar Sätze mit Franz Horn wechseln musste, waren vollkommen vorbei. Auch Dr. Liszt, der Kollege und Freund, war nicht mehr an einem Gespräch mit Horn interessiert, das sah er deutlich, denn Liszt eilte, wie alle anderen, auf Thiele zu.

Vor ein paar Jahren hatte Franz Horn einen Selbstmord versucht. Da er nicht gelang, wurde er zu Horns Misserfolgen gezählt: Horns Zeit war vorüber, er gehörte zu den rapid Älterwerdenden; eine junge Mannschaft rückte heran, eine Fusion mit der Weltfirma Bayer stand bevor. Die Tatsache, dass auch Liszt, der von seiner Familie Verlassene und dem Alkohol Ergebene, in diesen neuen Zeiten keine Chance mehr hatte, war ohne Trost für ihn; Liszt weigerte sich, sein Verbündeter zu sein. Ja, es hatte den Anschein, als sei er ein Feind geworden, zumindest aber einer, mit dem er in Feindseligkeit leben musste.

Warum nicht einen Brief schreiben, einen richtigen Brief, einen langsam geschriebenen Brief, in dem er Liszt den historischen Anteil an der Krise ihrer Beziehung oder Freundschaft zuweisen konnte? Damit endlich einmal alles richtig ausgesprochen wäre. Damit man wieder atmen, die Freundschaft neu oder endgültig begründen könnte. Lieber Lord Liszt! (Die Anrede war da, als Horn nach dem Schreiber griff.) Und Franz Horn begann zu schreiben, Seite um Seite. Und beendete den Brief. Und nahm ihn mit einem PS wieder auf. Und dem ersten PS folgte ein zweites, ein drittes, ein viertes; am Ende waren es neunzehn Fortsetzungen.

Was aber enthält der Brief, der in der Art der Lawinenentstehung ins Nichtgeheuere oder Ungeheuere anschwillt und – wie Lawinen es tun – alles, was im Weg liegt, mitreißt, aus den Höhen in die Tiefe oder aus den Tiefen in die Höhe, das Unausgesprochene, nur Empfundene? Was er Liszt vorzuwerfen hat, sind keine strafbaren Delikte, die sich trefflich in Szene setzen ließen. Es geht um Kränkungen, Verletzungen, Niederlagen, Unrecht menschlicher Art. Zwischen Liszt und Horn, Horn und Liszt, zwischen Thiele und Horn und Liszt. Es geht um Konkurrenz, um Anerkennungs-, Freundschafts- und Liebesentzug, um das gefahrvolle Leben, wenn genommen wird, was stark und widerstandsfähig macht; es geht um die Überwindung eines Zustands permanenten Verschweigens, um das plötzliche Aufbrechen eines Schmerzes, der artikuliert werden will, ohne Rücksicht auf die anderen und auf sich selbst.

Das Schreiben wird ein Ersatz für alles: „Sprechen wir doch endlich aus, soviel wir können, anstatt zu leiden wie die Hummeln. Oder leiden Sie gar nicht? Leidet, wer recht hat, nicht?“

Nicht in den einzelnen Fällen minutiöser und gröblicher Verletzung durch den anderen wird der Leser sich und seine Erfahrungen wiederfinden. Vielmehr wird sich der Leser im Faktum des Verletztwerdens erkennen, im wahnwitzigen Wunsch, sich all dessen zu entledigen, was ihn der zu sein zwingt, der er nicht ist. Der Leser wird sich an die von anderen eigens für ihn erdachte weise Erkenntnis erinnern: „Jeder sieht ein, dass er einsehen muss: ihm steht nur zu, was ihm zusteht.“ Und er wird sich endlich entledigen wollen, „nicht mehr der Vernunft anderer zu Kreuze zu kriechen.“

Martin Walser: Brief an Lord Liszt (1982)
Martin Walser: Brief an Lord Liszt (1982)

Das Buch ist ein Abrechnungsfest, ein Befreiungsunternehmen, eine Trennungsorgie, eine Wahrheitsmaschine, eine Einsamkeitsprüfung, kurzum: der Bericht von der schweren Erträglichkeit des wirklichen Lebens. Also eine Schmerzensgeschichte und ein Heilungsprozess. Dieser rücksichtslos leidenschaftliche Brief ist nicht weniger als ein Lehrbuch: Es zeigt uns einen Weg, um (wieder) in den Besitz der eigenen Vernunft zu kommen.
(aus dem Klappentext)

Ich habe diesen kleinen, gerade 150 Seiten umfassenden Roman von Martin Walser nach vielen Jahren erneut gelesen. Das Buch habe ich als 1. Auflage 1982 aus dem Suhrkamp Verlag, Frankfurt, vorliegen.

In seinem Brief an Dr. Liszt entwirft der Schreiber Franz Horn ein ‚Gesetz der Gesellschaftsphysik‘, wie er es nennt. Dieses besteht aus sieben Sätzen. Ich bin mir nicht sicher, aber den sechsten Satz muss Martin Walser unterschlagen habe, zumindest ist dieser nicht als solcher gekennzeichnet. Ich habe dafür eine andere Aussage von Franz Horn herangezogen, den mit dem Hinweis auf die Identität des Einzelnen, der mir sehr nach Max Frisch (siehe u.a.: Max Frisch: Stiller) klingt (siehe unten).

Gesetz der Gesellschaftsphysik

1. Satz: Was man über einen Menschen denkt, kann man allen sagen, nur ihm selbst nicht. Er verstünde es nicht. Ihm muß man sagen, was er will, daß man ihm über ihn sage. Nur das versteht er. (S. 41)

2. Satz: Wer jemanden unter sich erträgt, erträgt auch jemanden über sich. (S. 70)

3. Satz: Freundschaft zwischen Angestellten einer Firma ist nicht möglich. Zwischen Konkurrenten ist Freundschaft nicht möglich. Oder einfach: Konkurrenten sind Feinde. Noch einfacher: Konkurrent ist Feindschaft. (S. 91/92)

4. Satz: Zwischen Chef und Abhängigen gibt es menschliche Beziehungen nur zum Schein. (S. 92)

5. Satz: Freunde hat man, solange man sich die Frage, ob man welche hat, noch nicht stellt. (S. 109)

6. Satz [ist als solcher nicht benannt]: Es kann sich keiner identifizieren mit dem, der er in den Augen der anderen ist. Aber bevor man sich nicht mit dem, der man für andere ist, identisch erklärt, hat man keinen ruhigen Augenblick. (S, 142)

7. Satz: Der Mißerfolg seines Konkurrenten ist der Erfolg der Erfolglosen. (S. 144)

Im Mittelpunkt des Briefes steht ein Treffen zwischen Horn und Liszt in Hagnau am Bodensee, als beide vergeblich auf Thiele, der sie zu einer Segeltour eingeladen hatte, warteten und in Streit gerieten. Ich habe ansatzweise versucht, den Bodensee zu jener Stunde (ein Gewitter zog auf) in einem mit KI erstellten Video zu kennzeichnen.


„Hätten Sie doch auf den See gesehen! Der lag, als sei schon alles zu Ende. Wie nach einer Weltkatastrophe lag er. Kein Wasser mehr. Geschmolzenes Blei. Schon ganz violett. Die Flaute, vollkommen. […] Hinter Ihnen, das aus gar allen Farben zusammengezogene Gleißen des Gewitterlichts.“ (S. 118)

Friedrich Glauser: Studer ermittelt (sämtliche Kriminalromane)

Die Kriminalromane von Friedrich Glauser (1896-1938) haben es mir angetan. Seine sämtlichen Krimis habe ich in 1.Auflage Januar 2009 aus dem Verlag Zweitausendeins, Frankfurt mit 1100 Seiten in letzter Zeit erneut gelesen. Im Mittelpunkt steht der Fahnderwachtmeister von der Berner Kantonspolizei Jakob Studer, genannt ‚Köbu‘, samt Ehefrau Hedwig. Studer hatte sich vor Jahren mit den Oberen der Schweiz angelegt und wurde daraufhin degradiert und nach Bern versetzt. Hier und im Umfeld erleben wir seine, wie es Studer nennt, ‚verkachelten‘ Geschichten.

Mir sind 5 Verfilmungen bekannt, die vom SRF (Schweizer Fernsehen) in Bärndütsch (Berndeutsch -> Hochalemannisch) mit hochdeutschen Untertiteln und von 3SAT in Hochdeutsch ausgestrahlt wurden: Wachtmeister Studer (Mord in Gerzenstein) 1939 / Matto regiert 2x 1946 und 1980 / Der Chinese 1978 / Krock & Co. 1976. Leider sind die Filme nicht verfügbar.


Friedrich Glauser: Wachtmeister Studer – Filme in aller Gemächlichkeit
(1) Vorspann: Krock & Co. (OMU 1976) – (2) Vorspann: Der Chinese (OMU 1978) – (3) Vorspann: Matto regiert (OMU 1980) – (4) Abspann: Matto regiert (OMU 1980)

Friedrich Glauser gilt als Begründer des modernen deutschsprachigen Kriminalromans. Seine Reihe um den behäbigen, aber intuitiven Wachtmeister Studer umfasst fünf vollendete Romane, die zwischen 1936 und 1941 veröffentlicht wurden.

Friedrich Glauser (1896–1938) führte ein rastloses Leben, das oft als „Biographie der Katastrophen“ bezeichnet wird. Seine persönlichen Erfahrungen mit Sucht, Psychiatrie und Flucht spiegeln sich tief in seinem Werk wider.

Friedrich Glauser
Friedrich Glauser

Eckdaten und Lebensstationen
Herkunft: Geboren am 4. Februar 1896 in Wien als Sohn eines Schweizers.
Unruhige Jugend: Früher Tod der Mutter, schwieriges Verhältnis zum Vater und häufige Schulwechsel. Er wurde bereits in jungen Jahren wegen „lasterhaften Lebenswandels“ entmündigt.
Sucht und Psychiatrie: Glauser litt zeit seines Lebens unter einer schweren Morphium- und Opiumsucht. Dies führte zu zahlreichen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken (u.a. in der Anstalt Waldau), was er später in seinem Roman ‚Matto regiert‘ verarbeitete.
Fremdenlegion: Von 1921 bis 1923 diente er in der französischen Fremdenlegion in Nordafrika – eine prägende Zeit, die er in dem Roman ‚Gourrama‘ und den Legionserzählungen literarisch festhielt.
Literarischer Durchbruch: Erst in seinen letzten Lebensjahren gelang ihm mit der Figur des Wachtmeister Studer (ab 1936) der Erfolg als Schriftsteller.
Tod: Er starb am 8. Dezember 1938 mit nur 42 Jahren in Nervi bei Genua, am Vorabend seiner geplanten Hochzeit mit Berthe Bendel.
Heute wird Glauser als Wegbereiter des modernen Kriminalromans im deutschsprachigen Raum gefeiert. Zu seinem Gedenken wird jährlich der Friedrich-Glauser-Preis verliehen, eine der bedeutendsten Auszeichnungen für deutschsprachige Krimiautoren.

Die fünf abgeschlossenen Romane
1. Wachtmeister Studer (auch: Schlumpf Erwin Mord, 1936): Der Auftaktfall führt Studer in das Dorf Gerzenstein, wo er einen vermeintlichen Selbstmord als Mord entlarvt und sich gegen die lokale Justiz stellt.
2. Die Fieberkurve (1938): Dieser autobiografisch geprägte Fall führt den Ermittler bis nach Nordafrika zur Fremdenlegion, in der Glauser selbst gedient hatte.
3. Matto regiert (1936): Studer ermittelt in einer psychiatrischen Heilanstalt. Der Roman thematisiert Glausers eigene Erfahrungen mit Internierungen und kritisiert die damalige Psychiatrie.
4. Der Chinese (1939): In einer Armenanstalt und einer Gartenbauschule sucht Studer nach der Wahrheit hinter einem rätselhaften Todesfall. Glauser schrieb das Manuskript nach einem Diebstahl in Rekordzeit neu.
5. Krock & Co. (auch: Die Speiche, 1941): Während einer Hochzeitsreise gerät Studer in einen Kriminalfall im ländlichen Umfeld, der posthum veröffentlicht wurde.

Besonderheiten der Figur
Studer ist kein klassischer „Super-Detektiv“. Seine Stärken sind:
Menschlichkeit: Er zeigt tiefes Mitgefühl für Randfiguren und die „kleinen Leute“.
Intuition: Er verlässt sich eher auf sein Gefühl und seine Beobachtungsgabe als auf rein analytische Methoden.
Atmosphäre: Die Krimis leben von ihrer dichten, oft düsteren Stimmung und präzisen Milieustudien.
Neben den Romanen gibt es noch mehrere Erzählungen und Romanfragmente wie ‚Knarrende Schuhe‘ oder ‚Der alte Zauberer‘.

Die Kriminalromane von Friedrich Glauser sind im Hochdeutschen geschrieben, enthalten aber starke Einflüsse und Passagen in Bärndütsch (Berndeutsch -> Hochalemannisch) in den Dialogen und der Atmosphäre. Hier nur zwei Beispiele: … nüd apartigs … (nichts Besonderes) – Vhabis = Kohl (Blödsinn). Es gibt hierzu eine Website mit einem Wörterbuch, das berndeutsche Begriffe ins Hochdeutsche übersetzt und mir bei Lesen sehr geholfen hat: berndeutsch.ch

Sprachliche Besonderheiten
Hochdeutsche Erzählung: Der Haupttext und die erzählenden Passagen sind in standardisiertem Hochdeutsch gehalten, sodass die Romane im gesamten deutschsprachigen Raum lesbar sind.
Berndeutsche Dialoge: Ein wesentliches Merkmal der Romane ist die Verwendung von Schweizerdeutsch in den direkten Reden der Charaktere. Wachtmeister Studer selbst spricht ebenfalls diesen Dialekt. Dies verleiht den Romanen Authentizität und Tiefe und hilft, das spezifische Schweizer Milieu einzufangen.
Polyglotte Elemente: Die Romane spiegeln die sprachliche Vielfalt der Schweiz wider, indem sie neben Deutsch auch gelegentliche französische oder italienische Ausdrücke einbinden, was eine komödiantische Ebene hinzufügen kann.

Auswirkungen auf das Leseerlebnis
Für Leser ohne Schweizerdeutsch-Kenntnisse kann das Verständnis einiger Dialoge eine Herausforderung darstellen, da sie oft nicht direkt übersetzt werden. Jedoch trägt gerade diese sprachliche Eigenheit maßgeblich zur Atmosphäre und Glaubwürdigkeit der Geschichten bei. Die Sprache Studers hilft ihm auch, eine Verbindung zu den „einfachen Leuten“ und Verdächtigen aufzubauen, da er im gleichen Zungenschlag spricht wie sie.

Dieser Beitrag wurde zum Teil mit KI erstellt

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Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel

    „Diese Regeln, die Zeichensprache und Grammatik des Spieles, stellen eine Art von hochentwickelter Geheimsprache dar, an welcher mehrere Wissenschaften und Künste, namentlich aber die Mathematik und die Musik (beziehungsweise Musikwissenschaft) teilhaben und welche die Inhalte und Ergebnisse nahezu aller Wissenschaften auszudrücken und zueinander in Beziehung zu setzen imstande ist. Das Glasperlenspiel ist also ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unsrer Kultur […] Was die Menschheit an Erkenntnissen, hohen Gedanken und Kunstwerken in ihren schöpferischen Zeitaltern hervorgebracht, was die nachfolgenden Perioden gelehrter Betrachtung auf Begriffe gebracht und zum intellektuellen Besitz gemacht haben, dieses ganze ungeheure Material von geistigen Werten wird vom Glasperlenspieler so gespielt wie eine Orgel vom Organisten …“
    Das Glasperlenspiel – Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften herausgegeben von Hermann Hesse – Den Morgenlandfahrern
    (suhrkamp taschenbuch 79 – Achte Auflage 141.-160. Tausend 1976 – Copyright 1943)

Hermann Hesse gehört zu den Schriftstellern, die mein Leben beeinflusst haben. Vor einigen Jahren schrieb ich das Folgende:

Hermann Hesse widmete sich in seinem Tun und literarischem Schaffen dem Individuum. Seine Romane, Erzählungen und Gedichte haben immer wieder die Selbstverwirklichung, die Selbstwerdung, die Autoreflexion des einzelnen zum Thema. Im Glasperlenspiel nun findet das individuelle Leben in einer überpersönlichen Gemeinschaft seine Einordnung. Obwohl es hier um eine streng hierarchisch geordnete Gesellschaft geht, so ist diese zutiefst human und lässt dem Einzelnen die Wahlmöglichkeit.

In diesen Tagen habe ich den Roman erneut gelesen und konnte nicht umhin, eine gewisse Enttäuschung zu erfahren. Der Roman beschreibt eine reine Männerwelt, in der Frauen nur am Rande vorkommen. Hier eine kleine Analyse, die am Ende zeigt, dass selbst Hesse die fiktive Gelehrtenprovinz namens Kastalien als steril und einseitig empfand.

Hermann Hesse
Hermann Hesse

In Hermann Hesses 1943 erschienenem Zukunftsroman ‚Das Glasperlenspiel‘ ist die Abwesenheit des Weiblichen ein konstitutives Element der dargestellten Gesellschaftsordnung. Der Roman spielt in der fiktiven Provinz Kastalien, einem rein männlichen Gelehrtenorden des 23. Jahrhunderts, der sich der Pflege des Geistes und dem abstrakten „Glasperlenspiel“ widmet.


Ein fiktives Gespräch zwischen Franz Kafka (1883-1924), Hermann Hesse (1877-1962) und Martin Walser (1927-2023)
Audio: Hermann Hesse liest aus seinem Gedicht: Stufen (1949)

Hier sind die zentralen Aspekte der Inhaltsangabe unter dem Fokus dieser Männerwelt:

1. Kastalien als Refugium des patriarchalen Geistes
Die Handlung folgt der Vita von Josef Knecht, der innerhalb der kastalischen Hierarchie vom begabten Schüler zum Magister Ludi (Meister des Spiels) aufsteigt. Kastalien ist als pädagogische Provinz konzipiert, die bewusst klösterliche Züge trägt. Frauen haben in diesem System keinen Platz; die Gemeinschaft basiert auf Zölibat, Askese und der strikten Trennung von der „profanen“ Außenwelt.

2. Die Frau als Symbol der „niederen“ Welt
Frauen erscheinen im Roman fast ausschließlich jenseits der kastalischen Grenzen. Sie werden mit der „Welt“ assoziiert – einem Bereich, der für die Gelehrten als Ort der Triebhaftigkeit, der biologischen Fortpflanzung, des Krieges und der Vergänglichkeit gilt.
Maria Feremonte: Als eine der wenigen namentlich genannten Frauen verkörpert die Ehefrau von Knechts Gegenpart Plinio Designori das häusliche, weltliche Leben. Sie bleibt jedoch eine Randfigur ohne intellektuelle Teilhabe am kastalischen Diskurs.

3. Homoerotische Subtexte und männliche Mentorenschaft
Die emotionalen Bindungen im Roman finden ausschließlich zwischen Männern statt. Die Entwicklung Josef Knechts wird durch die Beziehung zu verschiedenen Vaterfiguren und Mentoren geprägt:
Der Musikmeister, der Knecht als Kind entdeckt und ihn spirituell leitet.
Der Ältere Bruder im Bambushain, bei dem Knecht die chinesische Weisheit studiert.
Pater Jacobus, der Knecht die Bedeutung der Geschichte lehrt.

Diese rein männliche Kette der Wissensweitergabe betont das Ideal einer geistigen Zeugung, die ohne Frauen auskommt.

4. Der Ausbruch: Rückkehr zur Natur und das tragische Ende
Knechts wachsendes Unbehagen an der Sterilität Kastaliens führt schließlich zu seinem Austritt aus dem Orden. Er erkennt, dass ein Geist ohne Bezug zur Realität (und damit zum „Weiblichen“, Mütterlichen und Naturgegebenen) leblos bleibt.
• Sein Versuch, als Hauslehrer für Designoris Sohn Tito in die Welt zurückzukehren, scheitert jedoch tragisch.
• In einer symbolträchtigen Szene ertrinkt Knecht in einem Bergsee. Dies kann als die letztlich missglückte Vereinigung des kastalischen Geistes mit der elementaren, oft weiblich konnotierten Natur gedeutet werden.

Fazit
In Das Glasperlenspiel ist die Männerwelt ein Synonym für die reine Abstraktion. Hesse zeichnet Kastalien als eine Utopie des Geistes, die jedoch an ihrer eigenen Einseitigkeit krankt. Das Fehlen von Frauen ist nicht bloßes Zeitkolorit, sondern markiert die Unvollständigkeit einer rein rationalen Existenz, die den Bezug zum Leben, zur Emotion und zur Erneuerung verliert.

Dieser Beitrag wurde zum Teil mit KI erstellt

Halldór Laxness: Am Gletscher

Vor einiger Zeit habe ich den kleinen Roman ‚Am Gletscher‘ des isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness aus dem Jahr 1968 (dt. 1974 unter dem Titel ‚Seelsorge am Gletscher‘, 1989: ‚Am Gletscher‘) erneut gelesen. Der besondere Humor, mit dem der Roman geschrieben ist, ist dabei besonders erwähnenswert. Der Roman wurde 1989 von Laxness’ Tochter Guðný Halldórsdóttir unter dem Titel ‚Kristnihald undir Jökli‘ in Island verfilmt. Eine deutsche Synchronfassung mit dem Titel ‚Am Gletscher‘ liegt vor.

In Halldór Laxness‘ Roman „Am Gletscher“ (Originaltitel: Kristnihald undir Jökli, 1968) reist ein junger, namenloser Gesandter des isländischen Bischofs – genannt „Embi“ (für Emissär) – an den Fuß des Snæfellsjökull. Er soll dort das seltsame Verhalten von Pfarrer Jón Prímus untersuchen, gegen den schwere Vorwürfe vorliegen.


Der ‚Embi‘ wird am Gletscher lediglich mit Kaffee (Island ist ein Kaffeetrinkerland) und Torten verpflegt (sein Ebenbild tut sich auf)

Halldór Laxness: Am Gletscher (1968)
Halldór Laxness: Am Gletscher (1968)

Die Handlung
Der Auftrag: Embi soll prüfen, warum der Pfarrer seine Amtspflichten vernachlässigt: Er hält keine Gottesdienste mehr ab, begräbt die Toten nicht und hat die Kirche vernageln lassen. Stattdessen verbringt Jón Prímus seine Zeit mit dem Beschlagen von Pferden und der Reparatur alter Gebrauchsgegenstände.
Die Begegnung: Am Gletscher trifft Embi auf eine skurrile Gemeinschaft, in der Realität und Mythisches verschwimmen. Jón Prímus vertritt eine pragmatisch-mystische Weltanschauung, in der das Hier und Jetzt und die Natur wichtiger sind als dogmatische Zeremonien.
Das Geheimnis: Im Zentrum der rätselhaften Ereignisse steht Ua, die verschwundene Ehefrau des Pfarrers. Um sie ranken sich Gerüchte über Auferstehung und Ewigkeit, die das rationale Weltbild des Gesandten zunehmend erschüttern.

Zentrale Themen
Kritik an Institutionen: Laxness nutzt die Figur des Jón Prímus, um eine Kirche zu hinterfragen, die sich mehr um Riten als um das Leben der Menschen sorgt.
Mystik vs. Rationalität: Der Kontrast zwischen dem bürokratischen Embi und der archaischen, fast magischen Welt am Gletscher thematisiert die Grenzen der Logik.
Menschlichkeit: Die Seelsorge wird hier nicht durch Predigten, sondern durch praktische Hilfe und das Akzeptieren des Unerklärlichen geleistet.

Der Roman gilt als eines der komplexesten und humorvollsten Werke des Nobelpreisträgers. Er ist im Steidl Verlag als Taschenbuch erhältlich.

Die Seele als Fisch
Ein zentrales Element des Romans ist die Vorstellung, dass die Seele der verstorbenen Údua (die Frau von Pfarrer Jón Prímus) in einen Fisch beschworen wurde.
• Symbol der Konservierung: Der Fisch wird in einem speziellen Behälter auf dem Gletscher aufbewahrt, um dort bis zu einer möglichen Wiederauferstehung oder Rückkehr zu verharren.
• Transformation: Dieses Motiv spielt mit der Idee der Seelenwanderung und stellt eine Verbindung zwischen dem Spirituellen und der physischen Natur (dem Element Wasser/Eis) her.


Der ‚Embi‘ mit Ua/Údua und dem ‚Fisch‘

Christliche Symbolik und ihre Dekonstruktion
Der Fisch ist das traditionelle Symbol für Christus (Ichthys). Laxness nutzt dies jedoch oft auf ironische Weise: Im Roman wird ein Fisch, der als religiöses oder spirituelles Symbol dient, eher profan behandelt – er wird „achtlos aufgetaut“ und schließlich von Vögeln gefressen.

Dieser Beitrag wurde zum Teil von KI erstellt

siehe meine weiteren Beiträge zu Halldór Laxness in diesem Blog

Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages (1995)

Umberto Ecos Roman ‚Die Insel des vorigen Tages‘ aus dem Jahr 1995 (Originaltitel: L’isola del giorno prima – Carl Hansa Verlag 2. Auflage 1995 – Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber) habe ich in diesen Tagen erneut gelesen. Dieser gilt uns einen Einblick in die Gedankenwelt des 17. Jahrhunderts und damit in das damalige Weltbild der Menschen. In dem Roman, der im Jahr 1643 spielt, landet ein gewisser Roberto de La Grive auf einem einsamen Schiff in der Südsee. Er ist auf der Suche nach der Bestimmung des Meridians (Längengrad), der bis dato noch nicht bestimmt werden konnte (lässt sich nur aus dem Unterschied zwischen Orts- und der Zeit auf dem Nullmeridian, heute in Greenwich bei London, bestimmen und wurde erst 1750 gelöst). Östlich von seinem Standort liegt eine Insel. Da er meint, sich auf dem 180 Grad Länge zu befinden, also der Datumsgrenze, so läge die Insel ‚im vorigen Tag‘. Im Fieber träumt er … Ich habe versucht, einige dieser Träume mit Hilfe von KI darzustellen – Teil 1

Hier der 2. Teil der Träume des Roberto de La Grive. Zwar ist die Umsetzung des Textes von Umberto Eco nicht so ganz gelungen, aber immerhin …

Wir schreiben das Jahr 1643. Die Niederlande kämpfen gegen die spanische Krone, in Deutschland wütet immer noch der Dreißigjährige Krieg. In Frankreich herrscht der Absolutismus, In England ist Bürgerkrieg. Die Epoche des europäischen Barock, das Zeitalter der Aufklärung hat begonnen, und die Erde ist nicht mehr Mittelpunkt des Universums.

Aus den Träumen des Roberto de La Grive
Aus den Träumen des Roberto de La Grive

Mitten in dieser turbulenten Zeit ist Roberto de La Grive, ein junger Piemontese, in geheimer. Mission und in allerhöchstem Auftrag unterwegs. Er ist nach einer abenteuerlichen Jugend nach Paris gekommen, ist dort in antiklerikale Kreise geraten und wird von Kardinal Mazazin persönlich vor die Wahl gestellt: Entweder verliert er Kopf und Kragen, oder er muß als Spion im Dienste Frankreichs einem Geheimnis auf die Spur kommen, das zu enträtseln sich die seefahrenden Großmächte verzweifelt bemühen – dem Geheimnis des Festen Punktes, der die Längengrade bestimmt, die allein es ermöglichen, einen einmal entdeckten Ort wiederzufinden. Roberto schifft sich ein auf der Amarilli, auf der sich nächtens sinistre Dinge abspielen. Doch genau in dem Moment, als er, wie es scheint, der Aufklärung des Rätsels nahe gekommen ist, geht die Amarilli in einem Orkan mitten in der Südsee unter, und nur Roberto kann sich retten. Tagelang treibt er im Meer umher, bis er auf ein verlassenes Schiff stößt. Aber nach einer Weile merkt er, daß noch jemand außer ihm an Bord der Daphne ist. Und der unheimliche Fremde ist, wie sich zeigt, hinter dem gleichen Ziel her wie Roberto, wenn auch aus anderen Gründen und mit anderen Mitteln.

Doch zunächst geht es ums Überleben. Wie sollen die beiden auf die in Sichtweite gelegene Insel kommen, die wie eine Fata Morgana mit allen möglichen tropischen Verheißungen zu ihnen herüberleuchtet, auf die Insel des vorigen Tages, die auf dem 180. Meridian liegt, also östlich der Datumsgrenze? Beide können nicht schwimmen, und das Meer ist von todbringendem Getier bevölkert. Der Fremde hat einen genialen Einfall, doch er kehrt nicht von seiner Reise zur Insel zurück.

In seiner Verlassenheit beginnt Roberto sich einen Roman auszudenken, dessen Hauptpersonen eine von ihm verehrte schöne Dame in Paris und sein Zwillingsbruder, sein Doppelgänger, sind – eine dämonische Gestalt, die Verkörperung des absolut Bösen. Immer dramatischer spitzt sich diese Handlung zu, immer mehr vermischen sich Wahn und Wirklichkeit, bis Roberto, in Gefahr, die Geliebte zu verlieren, der erlösende Einfall kommt…

Roberto de La Grive, unterwegs mit einer geheimen wissenschaftlichen Expedition, erleidet Schiffbruch in der Südsee und landet nicht auf einer einsamen Insel, sondern auf einem Schiff voller exotischer Pflanzen und Vögel, Meßinstrumente und merkwürdiger Gerätschaften. Wieder zu Kräften gekommen, merkt er, daß sich außer ihm offenbar noch ein anderer Mensch auf dem Schiff befindet…
So beginnt Umberto Ecos dritter Roman, der in einer Zeit des politischen Chaos, des materiellen Elends und feudalen Glanzes, finstersten Aberglaubens und wissenschaftlicher Revolutionen spielt: zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Abenteuerroman, Liebesgeschichte und historisches Panorama – Eco erfindet den gewaltigen Kosmos eines ganzen Jahrhunderts neu, und vor dem Auge des gebannten Lesers entsteht die Epoche des Barock…

Shakespeare oder Nicht-Shakespeare – das ist keine Frage

Ich bin auf einem Shakespeare-Trip und lese gerade in einem Band gesammelter Werke den 12. von insgesamt 38 Bühnenstücken (das Buch hat ‚nur‘ 15 Stücke) des englischen Meisters: ‚Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!‘ (Hamlet) – ‚Es war die Nachtigall und nicht die Lerche ..‘ (Romeo und Julia) – ‚Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!‘ (Richard III.) – Wer kennt sie nicht, diese Verse.

Ich lese Shakespeares Werke in Übersetzungen von Schlegel (1767 – 1845), die um 1800 erschienen sind und an die sich auch heute noch die Aufführungen an deutschen Theatern orientieren. Die Sprache ist schon sehr antiquiert, aber man kann sich schnell ‚einlesen‘.

‚Das Buch‘ mit Personenübersichten samt meinen Anmerkungen
‚Das Buch‘ mit Personenübersichten samt meinen Anmerkungen

Filme mit Werken von Shakespeare
Shakespeare in meinem Blog

Hier zwei Ausschnitte aus Shakespeares ‚Richard III.‘ – aus dem Film ‚The Lost King‘ (Der verlorene König), der im Fernsehen lief. Richard III. fiel als letzter englischer König 1485 bei einer Schlacht. Seine Leiche wurde angeblich in einem Fluss entsorgt, wurde dann aber 2013 auf einem Parkplatz in Leicester gefunden. Lange galt er als bucklig, als Kindermörder und Thronräuber (wie ihn Shakespeare darstellte in seinem Drama). Heute ist er aber rehabilitiert.

Ich erinnere mich, in jungen Jahren Shakespeares ‚Richard III.‘ im Fernsehen gesehen zu haben. Wer die Titelrolle spielte, ist mir entfallen. Aber ich war beeindruckt (schon damals).

Zu Richard III. von England gab es neulich den Film ‚The Lost King‘ (Der verlorene König) im Fernsehen. Richard III. fiel am 22.08.1485 im Alter von nur 32 Jahren als letzter englischer König bei einer Schlacht. Angeblich wurde seine Leiche in einem Fluss ‚entsorgt‘. Es gab aber Hinweise, dass er wohl doch begraben wurde. Eine Hobbyhistorikerin konnte im Jahr 2013 den Fund der Überreste des Königs (ein DNA-Abgleich bestätigte die Identität) auf einem Parkplatz in Leicester verkünden.

Richard III. galt als bucklig, Kindermörder und Thronräuber (der eigentliche Thronfolger, sein Neffe, der zwölfjährigen Eduard V. und sein Bruder Richard of Shrewsbury, wurden im Tower von London festgehalten – und verschwanden dann auf Nimmerwiedersehen!). Shakespeare schilderte den König als Monster. Heute ist diese Ansicht revidiert worden und die sterblichen Überreste formgerecht beigesetzt.

Im letzten Jahr war ich mit meiner Frau bei mehreren Aufführungen im Thalia-Theater Hamburg (ein Abo als Geschenk meiner Söhne). Ich gestehe, dass ich (und auch Christa) nicht allzu begeistert waren. Die Inszenierungen (der Regisseure) nahmen den Stücken die Show. Eigentlich bin ich modernen Kunstwerken gegenüber aufgeschlossen. Aber das ging mir dann doch zu weit. Die eigentlichen Theaterstücke wurden auf modern getrimmt, geradezu entstellt. Jetzt habe ich mir die Tragödie von ‚Romeo und Julia‘ angeschaut – ebenfalls im Thalia-Theater (2014) aufgeführt, dass in diesem April den letzten Vorhang erfährt, also über 10 Jahre aufgeführt wurde. Anfangs rümpfte ich auch die Nase. Aber da ich das Stück (wenn auch in einem anderen Wortlaut) gelesen hatte, war ich am Ende doch zufrieden. Hier die Szene mit ‚der Nachtigall und nicht der Lerche‘: Romeo war verbannt aus Verona, wagte es aber, Julia des Nachts zu besuchen. Wäre es noch Nacht (da singt die Nachtigall), wie Julia meint, dann hätten beide noch Zeit. Aber Romeo denkt, dass die Lerche singt, es auf den Morgen zugeht, er also gehen müsste, um nicht gefangen und getötet zu werden.

Hier noch ein Ausschnitt aus einer Aufführung von Shakespeares ‚Romeo und Julia‘ aus dem Thalia-Theater in Hamburg aus dem Jahr 2014. Die Szene mit ‚der Nachtigall und nicht der Lerche‘: Romeo war verbannt aus Verona, wagte es aber, Julia des Nachts zu besuchen. Wäre es noch Nacht (da singt die Nachtigall), wie Julia meint, dann hätten beide noch Zeit. Aber Romeo denkt, dass die Lerche singt, es auf den Morgen zugeht, er also gehen müsste, um nicht gefangen und getötet zu werden.

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Abenteuer Ulysses von James Joyce (21): Das Original: Odyssee von Homer

Wer den Roman Ulysses von James Joyce liest, kommt um das Original der Osyssee von Homer nicht umhin. Homer (altgriechisch Ὅμηρος Hómēros, Betonung im Deutschen: Homḗr) gilt traditionell als Autor der Ilias und der Odyssee und damit als frühester Dichter des Abendlandes. Weder sein Geburtsort noch das Datum seiner Geburt oder das seines Todes sind zweifelsfrei bekannt. Es ist nicht einmal sicher, dass es Homer überhaupt gab. Kontrovers diskutiert wird die Frage, in welcher Epoche er gelebt haben soll. Herodot schätzte, dass Homer 400 Jahre vor ihm gelebt haben müsse; dies entspräche in etwa der Zeit um 850 v. Chr. Andere historische Quellen legen das Wirken Homers in die Zeit des Trojanischen Krieges, der traditionell etwa um 1200 v. Chr. datiert wird. Heutzutage stimmt die Forschung weitestgehend darin überein, dass Homer, wenn es ihn gab, etwa in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts und/oder in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. gelebt hat.

Die Odyssee (altgriechisch ἡ Ὀδύσσεια hē Odýsseia) gehört zu den ältesten und einflussreichsten Dichtungen der abendländischen Literatur. In Schriftform wurde das Werk erstmals wahrscheinlich um die Wende vom 8. zum 7. Jahrhundert v. Chr. festgehalten. Es schildert die Abenteuer des Königs Odysseus von Ithaka und seiner Gefährten während der Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. In vielen Sprachen ist der Begriff „Odyssee“ zum Synonym für eine lange Irrfahrt geworden.

Ich habe nun die Übersetzung von Johann Heinrich Voß (* 20. Februar 1751 in Sommerstorf; † 29. März 1826 in Heidelberg) gelesen. Dieser war ein deutscher Dichter, Übersetzer und Hochschullehrer. Berühmt ist er für seine Übertragungen von Homers Epen (Ilias, Odyssee) und anderer Klassiker der Antike. Am bekanntesten wurde seine Übersetzung der Odyssee, die 1781 „auf Kosten des Verfassers“ erschien und deren einprägsame, bildhafte Sprache Generationen deutscher Leser mit Homer vertraut machte. 1793 erschien der ganze Homer, die Ilias und die Odyssee in überarbeiteter Form.

Im deutschen Sprachraum gilt die metrische Übersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem 18. Jahrhundert ihrerseits als Klassiker. Ihr sprachschöpferischer Einfluss auf das Deutsche wird mit Martin Luthers Bibelübersetzung verglichen. Zuerst musste ich mich etwas ‚einlesen‘, dann aber ließen sich die Verse flüssig lesen. Die große Anzahl der auftretenden Personen und Götter ist vielleicht etwas irritierend. Nausikaa (altgriechisch Ναυσικάα Nausikáa), die Tochter des phaiakischen Königs Alkinoos und dessen Frau Arete, ist mir die liebste der Figuren und könnte heute als eine Art Patronin der Flüchtlinge gelten.

Homer: Odyssee
Homer: Odyssee

Die Odyssee beginnt mit der Anrufung der Muse. Die Eingangsverse sind hier auf Altgriechisch, in Umschrift sowie in der klassischen deutschen Übersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1781 wiedergegeben:

    Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ
    πλάγχθη, ἐπεὶ Τροίης ἱερὸν πτολίεθρον ἔπερσε·
    πολλῶν δ’ ἀνθρώπων ἴδεν ἄστεα καὶ νόον ἔγνω,
    πολλὰ δ’ ὅ γ’ ἐν πόντῳ πάθεν ἄλγεα ὃν κάτα θυμόν,
    ἀρνύμενος ἥν τε ψυχὴν καὶ νόστον ἑταίρων.
    ἀλλ’ οὔδ’ ὣς ἑτάρους ἐρρύσατο ἱέμενός περ·
    αὐτῶν γὰρ σφετέρῃσιν ἀτασθαλίῃσιν ὄλοντο,
    νήπιοι, οἳ κατὰ βοῦς Ὑπερίονος Ἠελίοιο
    ἤσθιον· αὐτὰρ ὃ τοῖσιν ἀφείλετο νόστιμον ἦμαρ.
    τῶν ἁμόθεν γε, θεά, θύγατερ Διός, εἶπε καὶ ἡμῖν.
    Ạndra moi ẹnnepe, Moụsa, polỵtropon, họs mala pọlla
    plạnchthē, epeị Troiẹ̄s hierọn ptoliẹthron epẹrse:
    pọllōn d’ ạnthrōpọ̄n iden ạstea kaị noon ẹgnō,
    pọlla d’ ho g’ ẹn pontọ̄ pathen ạlgea họn kata thỵmon,
    ạrnymenọs hēn tẹ psychẹ̄n kai nọston hetaịrōn.
    ạll’ oud’ họ̄s hetaroụs errhỵsato hịemenọs per;
    aụtōn gạr spheterẹ̄sin atạsthaliẹ̄sin olọnto,
    nẹ̄pioi, hoị kata boụs Hyperịonos Ẹ̄elioịo
    ẹ̄sthion; aụtar ho toịsin apheịleto nọstimon hẹ̄mar.
    tọ̄n hamothẹn ge, theạ, thygatẹr Dios, eịpe kai hẹ̄min.
    Sage mir, Muse, die Thaten des vielgewanderten Mannes,
    Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
    Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
    Und auf dem Meere so viel’ unnennbare Leiden erduldet,
    Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.
    Aber die Freunde rettet’ er nicht, wie eifrig er strebte;
    Denn sie bereiteten selbst durch Missethat ihr Verderben:
    Thoren! welche die Rinder des hohen Sonnenbeherschers
    Schlachteten; siehe, der Gott nahm ihnen den Tag der Zurückkunft.
    Sage hievon auch uns ein weniges, Tochter Kronions.

Homer: Odyssee – Anfang 1. Gesang
Homer: Odyssee – Anfang 1. Gesang

Homers Odyssee lässt sich als PDF-Datei aus dem Internet herunterladen, ist aber natürlich in Buchform [z.B. bei Amazon] erhältlich. Ich bevorzuge das handfeste Buch.

Es gibt eine Vielzahl an Übersetzungen des Homer’schen Werkes. Eine davon stammt von Carl Friedrich Wilhelm Jordan (* 8. Februar 1819 in Insterburg, Ostpreußen; † 25. Juni 1904 in Frankfurt am Main), einem deutschen Schriftsteller und Politiker. Hätte nicht Google-Books das Werk gescannt und im Internet verfügbar gemacht (es handelt sich dabei um ein Buch aus dem Bestand der University of Minnesota), so könnte es als nicht existent gelten. Ich habe nämlich nirgendwo einen Hinweis gefunden, der Jordan als Übersetzer der Odyssee ausweist.

Übersetzt und erklärt von Wilhelm Jordan – 2. Auflage 1889
Übersetzt und erklärt von Wilhelm Jordan – 2. Auflage 1889

10. Todestag von Siegfried Lenz

Heute vor 10 Jahren starb der Schriftsteller Siegfried Lenz in Hamburg. Geboren wurde Lenz 1926 in Lyck, Ostpreußen (heute: Ełk [ɛwk] in der polnische Woiwodschaft Ermland-Masuren). Und damit fängt es an: Mein Vater wurde nämlich neun Jahre zuvor in Treuburg (deutsch bis 1928 Marggrabowa (umgangssprachlich auch Oletzko – heute polnisch Olecko [ɔˈlɛtskɔ]), 1928–45 Treuburg) geboren – etwa 32 Kilometer von Lyck entfernt. Und wie Lenz hatte mein Vater eine Vorliebe für Baskenmützen (siehe Bild unten).

Siegfried Lenz und Jan Fedder 2008
Siegfried Lenz und Jan Fedder 2008 (anlässlich der Verfilmung ‚Das Feuerschiff‘)

Als Lenz’ wichtigstes Werk gilt der in viele Sprachen übersetzte und verfilmte Roman Deutschstunde (1968), der die Zeit des Nationalsozialismus und einen falsch verstandenen Pflichtbegriff behandelt. Auch seine erste Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Jahr 1955, So zärtlich war Suleyken, wurde aufgrund seiner neuartigen Erzählweise und der Verwendung der ostpreußisch-masurischen Umgangssprache sehr erfolgreich. Und ein zweites Denkmal für seine masurische Heimat erschuf Siegfried Lanz mit dem Roman: Heimatmuseum (1978), das ich vor Kurzem gelesen habe. Für mich ist dieser Roman ein überaus aktuelles Werk, denn es gibt Leute bei uns, die ‚Heimat‘ mit ihrer an Chauvinismus grenzenden nationalistischen Gesinnung und Fremdenfeindlichkeit vergiften und zu instrumentalisieren versuchen.

Der großangelegte Roman Heimatmuseum ist stark autobiographisch geprägt und schildert den Einfluss der Kriege auf das schöne und friedliche Masuren, das zwischen die Fronten beider Weltkriege gerät. In ausführlichen Beschreibungen der Menschen und ihrer Bräuche sowie der Landschaft lässt Siegfried Lenz das alte Masuren wiederauferstehen, so dass der Roman selbst zu einer Art Heimatmuseum für Masuren wird. Die Lebensgeschichte der Hauptfigur des Romans, Zygmunt Rogalla, hat auch viel Ähnlichkeit mit der Biografie meines Vaters. Zu Masuren und dem Roman sowie dessen Verfilmung demnächst etwas mehr.

Siegfried Lenz in diesem Blog

Abenteuer Ulysses von James Joyce (20): 18. Kapitel – Penelope [Nostos – Heimkehr]

Puh, heute komme ich zum letzten Kapitel des Romans Ulysses von James Joyce. Es ist ein einziger innerer Monolog, auch Bewusstseinsstrom genannt, von Leopold Blooms Frau, Marion ‚Molly‘ Bloom. Es ist die ungeregelte, ungeordnete Folge von Bewusstseinsinhalten, dadurch gekennzeichnet, dass Joyce weder Kommata noch Punkte gesetzt hat. Es ist lediglich in acht Absätzen gegliedert. Hans Wollschläger, der deutsche Übersetzer, hat sich daran gehalten.

Natürlich bin ich damit nicht ‚fertig‘. Zu späterer Zeit werde ich noch einmal auf diesem Roman zu sprechen kommen, denn es gibt einiges an Material, das ich den Interessierten nicht vorenthalten möchte. Und natürlich möchte der oder die eine gern wissen, wie es mir beim Lesen dieses Jahrhundertromans ergangen ist. Und zum Original, der ‚Odyssee‘ von Homer, komme ich natürlich auch noch. Inzwischen gelesen und im Gegensatz zu James Joyce‘ Werk als ‚leicht‘ empfunden.

Inhalt des 18. Kapitels:

Szene Bett • Uhrzeit In der Nacht

    „Aber Eurynome [Bedienstete Penelopes im Hause des Odysseus] führte den König und seine Gemahlin
    zu dem bereiteten Lager und trug die leuchtende Fackel;
    Als sie die Kammer erreicht, enteilte sie. Jene bestiegen
    Freudig ihr altes Lager, der keuschen Liebe geheiligt.“

Es ist Nacht in Dublin. Odysseus (Leopold Bloom) ist zu seiner Frau Penelope (Molly) heimgekehrt. Er betritt das eheliche Lager und legt sich zu Mollys Füßen ins Bett. Diese erwacht nur halb aus dem Schlaf, ihre Gedanken strömen frei. Der Tag mit allen seinen Eindrücken, Erlebnissen, Geräuschen spielt sich wieder in ihrem Bewusstsein ab. Wie im Traum oder Halbschlaf spielen Erinnerungen und Assoziationen in den Gedankenstrom hinein. Kindheitserinnerungen, erotische Gedanken (sie lässt das Rendezvous mit Boylan und andere erotische Abenteuer Revue passieren), Erinnerungen an ihre Jugend in Gibraltar, Gedanken an die Kinder und ihren Mann Leopold, an frühere Wohnorte strömen in acht langen Sätzen ohne Punkt und Komma durch Mollys und der Leser Hirn.

Im Einschlafen denkt Molly daran, wie sie Leopold Bloom schließlich als Partner akzeptierte: „und ich hab gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch nochmal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen daß er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.“

Mollys „Ja“ beschließt den Roman. Ulysses/Odysseus ist nach langer Irrfahrt zu Hause angekommen. Der Tag ist abgeschlossen, der Held ruht wieder bei seiner Frau. Das große Werk eines alltäglichen Lebenstages ist getan, „und siehe, es war sehr gut.“

(Quellen: swr.de/swr2/hoerspiel & de.wikipedia.org)

Oh, oh, die Jungs von Kilkenny ... (Kapitel 3 – S. 63)
Oh, oh, die Jungs von Kilkenny … (Kapitel 3 – S. 63)
James Joyce: Ulysses (in dt. Übersetzung von Hans Wollschläger) / Penelope (The Last Chapter of ) / Flasche Kilkenny – Irish Red Ale / Fritz Janschka: Ulysses-Alphabet mit signierter Originalgraphik: Harenbergs Joyce

Personen des 18. Kapitels

Im Mittelpunkt steht also Marion ‚Molly‘ Bloom mit ihrer Gedankenwelt. Und natürlich ist ihr Ehemann Leopold Bloom einer der wichtigsten Angelpunkte, um die sich ihr Leben nun einmal dreht.

Anmerkungen zu diesem 18. Kapitel

Auch in diesem Kapitel gibt es einiges, was ich erklärend anmerken möchte. Und für Korrekturen und weitere Anregungen bin ich auch diesmal dankbar:

S. 945: SH [‚Seine Heiligkeit‘]
S. 947: Jesusjegerl das Kind is a Negerl [im O.: Jesusjack the Child is a black]
S. 951: DBC [Dublin Bread Company – führte auch Restaurants]
S. 956: Ennis [Kleinstadt in Irland]
S. 958: Stabat Mater [schmerzerfüllte Mutter]
Ohm [Onkel]
S. 959: Tugela [u.a. Wasserfall in Südafrika]
S. 961: Manola [komische Oper, eigentlich: Le jour et la nuit (Tag und Nacht)]]
S. 962: Opoponax [Räucherharz der Myrrhe]
ich werde im September 33 [Alter von Marion ‚Molly‘ Bloom]
S. 963: Meister François Sowieso [F. Rabelais: Romanzyklus ‚Gargantua und Pantagruel‘]
H—–n [im O.: a—e = arse, also Hintern]
Ruby [The Pride oft the Ring – Der Stolz der Manege – basiert auf dem Leben eines Zirkusmädchens – Roman von Amye Reade]
Schöne Tyrannen [Roman von James Lovebirch: James Lovebirch war das Pseudonym eines (wahrscheinlich französischen) Autors aus dem frühen 19. Jahrhundert]
flagellieren [geißeln]
Inchicore [Stadtteil von Dublin]
SKH [im O.: H.R.H. – Seine königliche Hoheit]
S. 965: Kappesblatt [Weißkohlblatt]
S. 966: meadero [span.: Pissbecken, Urinal]
S. 969: Doggerina [vielleicht Kofferwort zu Dog (Hund) und Ballerina]
Gib [Gibraltar]
Concone [it. Gesangslehrer – 1801-1861]
S. 970: (The Shadow of) Ashlydyat [Roman von Mrs. Henry Wood (Ellen Wood) von 1863]
S. 972: General Ulysses Grant [US-Präsident – 1822-1885, besuchte Gibraltar am 17.11.1878]
der alte Sprague der Konsul [Konsul der USA in Gibraltar bis 1902]
Reveille [Hornsignal in den Armeen von GB u.a. – Weckruf]
S. 973: Gannef [Spitzbube]
Pisto madrileno [Art Ratatouille-Gemüse mit Ei]
S. 975: horquilla [span.: Haarnadel]
Vaticanum [richtig: Viaticum = Reisegeld]
S. 976: perragordas [10-Centimos-Münze]
Cappoquin [Stadt in Irland]
S. 977: embarazada [span.: schwanger]
S. 979: Frauenbloomer [‚Blüte‘, hygienische Kleidung nach Amelia J. Bloomer (1818-94) benannt)
S. 980: Peau despagne [‚spanische Haut‘]
S. 982: encore [Zugabe]
S. 984: Blancmanger [‚Mandelsulz‘, Süßspeise]
S. 994: Kotschinchina [chines.: ‚Südgrenze‘ – eigentl. Alte Bezeichnung für Südvietnam und Teile von Ostkambodscha – gemeint ist wohl ein weibl. Körperteil]
S. 996: O beau pays de la Touraine [Oh, schönes Land der T. = Gegend um Tours]
S. 998: Aristokrates sein Meisterwerk [eigentl. Pseudo-A., angeblich klinisches, leicht pornographisches Machwerk]
S. 1000: präserviert [gemeint ist wohl: reserviert – präserviert = geschützt]
Courschneiden [Frauen den Hof machen]
S. 1001: transponieren [in eine andere Tonart übertragen]
Draperie [eigentlich: Stoffdekoration]
S. 1002: John Jameson [irische Whiskeymarke]
S. 1005: coronado [span.: gekrönt, Tonsur e. Mönchs betreffend, gemeint ist wohl cornudo = gehörnt, betrogen]
S. 1009: como esta usted muy bien gracias y usted [Wie geht es Ihnen, sehr gut, vielen Dank, und Ihnen?]
Huevos estrellados [Rühreier]
S. 1010: mi fa pietà Masetto [Es tut mir Lied für M.]
presto non son più forte [schnell, meine Kraft schwindet – beides aus Mozarts Don Giovanni]
S. 1015: posadas [Gasthäuser]

In deutscher Sprache gibt es zwei Übersetzungen, zunächst die vom Verfasser, also James Joyce, autorisierte Übersetzung von Georg Goyert (1927) – dann die 1975 erschienene Neuübersetzung von Hans Wollschläger, auf die ich mich hier beziehe (ich habe die einmalige Sonderausgabe aus dem Jahr 1979 – 1. Auflage – Suhrkamp Verlag)

siehe auch: Abenteuer Ulysses von James Joyce (01): Vorgeplänkel
Abenteuer Ulysses von James Joyce (02): 1. Kapitel – Telemachos [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (03): 2. Kapitel – Nestor [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (04): 3. Kapitel – Proteus [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (05): 4. Kapitel – Kalypso [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (06): 5. Kapitel – Lotophagen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (07): 6. Kapitel – Hades [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (08): 7. Kapitel – Äolus [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (09): 8. Kapitel – Lästrygonen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (10): 9. Kapitel – Scylla & Charybdis [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (11): 10. Kapitel – Symplegaden (Irrfelsen) [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (12): 11. Kapitel – Sirenen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (13): 12. Kapitel – Der Zyklop [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (14): 13. Kapitel – Nausikaa [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (15): 120 Jahre Bloomsday
Abenteuer Ulysses von James Joyce (16): 14. Kapitel – Die Rinder des Sonnengottes Helios [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (17): 15. Kapitel – Circe [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (18): 16. Kapitel – Eumaeus [Nostos – Heimkehr]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (19): 17. Kapitel – Ithaka [Nostos – Heimkehr]